Sie verwendeten einen veralteten Browser. Bitte führen Sie für ein besseres Surf-Erlebnis ein Upgrade aus.
JavaScript scheint momentan in Ihren Browsereinstellungen deaktiviert zu sein.
Bitte nehmen Sie eine Änderung dieser Einstellung vor und laden Sie die Webseite neu, um deren volle Funktionalität zu ermöglichen.
Wetter
Ein starkes Stück
Oberschwaben

Hauptbereich

Als Herzog Welf VI. in Bergatreute Hof hielt

Berngarruiti, Bergatreithen, Bergatreuthe - ein Ort voll bewegter Geschichte: Zwischen 800 und 1000 nach Christi Geburt von einem Adeligen namens Berengar gegründet, liegt dessen Siedlungsgeschichte größtenteils im Dunkel der Vergangenheit. Waren es Abstammungen der Karolinger oder Merowinger, deren Existenz sich dieser Berengar verdankt?
Der nahe gelegene Ort Arnach darf sich auf die Gründung eines ebenso betitelten Adeligen berufen und wohl derselbe schenkte dem Einsiedler Ratpertonius im Rötsee kleinere Ländereien, damit dieser dort eine Einsiedelei gründen konnte. Berengar besaß wohl Rodungsrechte im Altdorfer Wald, die jedoch nicht mehr urkundlich belegt sind. So lebt dieser legendäre Berengar nunmehr als Faschingsmaske der Bergatreuter Narrenzunft fort und betitelt ebenso den heimischen Fanfarenzug.

Die Rodung des Berengar führte zur ersten Besiedlung des heutigen Ortes und seiner Weiler, wenngleich schon keltische Gräberfunde bei Weißenbronnen und Forst auf frühere Siedlungen hinweisen. Schriftliche Belege sind aus dieser Zeit rar; die Klöster in St. Gallen und Reichenau, später auch Weingarten belegen erste Orte in unserer Umgebung. So werden beispielsweise die Weiler Engenreute im Jahr 1030 und Gambach 1090 erstmals erwähnt. 1098 und 1143 erfolgt endlich die Erwähnung des Ortes Bergatreute, wenngleich es sich bei der älteren Urkunde vom Kloster Weingarten angeblich um eine Abschrift des 13. Jahrhunderts handelt.

In der Urkunde von 1143 bestätigt Papst Innozenz I. demselben Kloster seine Vorrechte; u.a. werden auch die Kirchenpatrone St. Philippus und Jakobus genannt. 1179 wurde das Weihnachtsfest in Bergatreute von Herzog Welf VI. besonders prunkvoll abgehalten. Auch der Sohn des Kaisers Barbarossa weilte unter den Gästen. Aus welfischer Zeit dürften noch die Bezeichnungen „Hochstatt“ und „Maierhofgasse“ an eine Ministerialstelle der Welfen hier am Ort erinnern. Die „Hochstatt“ war die Hinrichtungsstätte außerhalb „Etters“; der „Maierhof“ war der Hof des Verwalters im Ort. Nach dem Tod Welf VI. (1191) gehen die Besitzungen, darunter auch Bergatreute, auf die Staufer über. 1268 wird auch das Stauferreich durch die Hinrichtung des Staufers Konradin beendet.

Von 1268 bis 1805 bildete Bergatreute das siebte Amt der Landvogtei Schwaben mit Sitz in Altdorf. Landeshauptstadt war Innsbruck, oberster Landesherr der Kaiser von Wien. 1275 wird der erste Ortsgeistliche „Hainricus Rector ecclesiae de Berngartruiti“ (Heinrich, Rektor der Kirche zu Bergatreute) erwähnt. Unter Pfarrer Seltenreich wurde auf dem heutigen Kirchplatz um 1500 eine Kirche im gotischen Stil erbaut, für welche bereits 1488 eine Sammelerlaubnis für den geplanten Bau erteilt wurde.
1513 wird von den Eheleuten Claus und Lucia Bürster von Wolfeggerberg eine Stiftung für Ortsarme eingerichtet. Ein ewiger Jahrtag für das wohltätige Ehepaar wurde bis 1969 gehalten. Die Wirren des Bauernkrieges (1525) hinterließen in Bergatreute Spuren des Gefechts vom nahe liegenden Gaisbeuren.
Auch der Dreißigjährige Krieg (1618 - 1648) blieb nicht ohne Folgen; so erlebte Bergatreute 1633 den Durchritt von 7000 spanischen Reitern. 1634 brach die Pest in Süddeutschland aus. Der Kernort Bergatreute starb bis auf zwanzig Personen völlig aus: Nachfahren der Familien Gresser, Giray, Bendel, Hepp und Brauchle stammen ursprünglich noch aus der Zeit vor 1600.
Nach diesen Wirren verwaisten die Höfe in unserer Gegend - Familien siedelten aus der Schweiz (Sonntag), aus Südtirol (Oberhofer) und aus Österreich (Fleischer) nach Bergatreute um. Beispiel für die bäuerliche Existenz ist der 2016 neu renovierte „Maierhof“ im Ortszentrum. Er verkörpert als einer der wenigen erhaltenen Bauwerke die einstige Dichte bäuerlicher Besiedlung im Ortskern.

1686 kommt unter dem damaligen Ortsgeistlichen Johann Michael Mietinger das Gnadenbild „Maria vom Blut“ nach Bergatreute; einzig verdankt der verwandtschaftlich Beziehung des Pfarrers zum Stadtrat Teplitz in der böhmischen Stadt Klattau. War das Gnadenbild anfangs noch zur Privatandacht im Pfarrhof, so gab Pfarrer Mietinger 1688 dem öffentlichen Verlangen nach, die Muttergottes für künftig in der Kirche verehren zu dürfen. Wunderheilungen wurden fortan sorgsam vom Pfarrer in sogenannte Mirakelbücher niedergeschrieben.

Es wurden auch gerne totgeborene Kinder zum Gnadenbild gebracht, deren bischöfliche Verbote aus Konstanz nicht immer befolgt wurden. Der Wallfahrerzustrom in Bergatreute nahm derart zu, sodass der Neubau einer größeren Kirche nötig wurde (1694-1697). Die Innenausstattung stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die Barockkirche beherrscht mit ihrer mächtigen Zwiebelhaube auch heute noch das Ortsbild von Bergatreute.

Ehemalige umliegende Gebäude der Kaplanei, Mesnerei und Posthalterei, sowie der einstige Gasthof zum Hirsch stammen aus dieser Zeit, erinnern an die Blüte der Wallfahrt und prägen den Ort. Bergatreute war seit dem 16. Jahrhundert auch Post-, Übernachtungs- und Pferdewechselstation der Thurn- und Taxis`schen Postlinie, die von Wien- Innsbruck- Freiburg nach Paris führte. Der Ort war somit mit der großen weiten Welt eng verbunden: Prominentester Gast war wohl Kardinal Guiseppe Garampi der 1741 in Bergatreute nächtigte.

In dieser Zeitepoche entstanden in Bergatreute die großen Schildwirtschaften Rössle, Sonne, Hirsch und Adler, welche letzteren sogar eigene Brauereien führten. In den napoleonischen Kriegen musste der Durchmarsch von 3000 französischen Soldaten geduldet werden (1796). Die Einwohner der Gemeinde - in früheren Jahrhunderten Bauern, Söldner, Taglöhner und Handwerker - hatten ein schweres Leben und litten oft unter der Feudalherrschaft; so waren die meisten Bauern früher leibeigen. Lehensherren waren in Bergatreute die benachbarten Klöster, Fürstenhäuser und der Klerus. Die damit verbundenen Abgaben (Zehnten) waren für damalige Verhältnisse recht hoch. Das Ende der Lehensherrschaft kam mit der Säkularisation Oberschwabens ab 1803.

Zur Pfarrei Bergatreute gehörten bis 1808 die Weiler Wolfeggerberg, Neutann, Bainders und Bachtelhalden. Zum bürgerlichen Amt Bergatreute gehörte bis 1823 Winterstettendorf und bis 1847 Gaisbeuren. Nach dem Ende der über fünfhundert jährigen landvogteilichen Herrschaft 1805, wurde Bergatreute dem Oberamt Waldsee zugeteilt. Das tausendjährige Bistum Konstanz zerfällt: Bergatreute kommt zur neuen Diözese Rottenburg.

1823 wurde erstmals ein Gemeinderat und ein Bürgerausschuss im Ort eingerichtet. 1828 folgt der Bau des Schulhauses auf dem Platz neben der Kaplanei. Der Ort Witschwende wurde 1862 von Wolfegg eingemeindet; im gleichen Jahr errichtete Alois Ludwig das erste mechanische Geschäft zur Herstellung von Eierteigwaren in Bolanden.

Die Einweihung des neuen Friedhofs erfolgte 1897, der Bau einer dazugehörigen Kapelle schon zwei Jahre zuvor: Hier durfte sich der Wohltäter Oberkirchenrat und Dekan Karl Alexander Ferdinand Eggmann seiner Neigung und Liebe zum Beuroner Jugendstil frei entfalten. Die Kapelle wurde 2010 in Ihrer schönen neugotischen Zier renoviert und ist fortan ein Schmuckstück im Bergatreuter Kapellenkranz. 1914 kam das elektrische Licht nach Bergatreute und 1928 - 1930 wurde die örtliche Wasserleitung gebaut.

1938 geht das ehemalige Oberamt Waldsee im heutigen Landkreis Ravensburg auf. Trauer und Schmerz kamen über Bergatreute, als in beiden Weltkriegen insgesamt über 150 Mitbürger nicht mehr zurückgekehrt sind. 1954 wurde unter Pfarrer Alois Huber ein Pfarrgemeindehaus mit Kindergarten auf dem Platz neben dem Pfarrhaus errichtet. 1958 folgte ein Erweiterungsbau der Schule. Ein neuer Kindergarten entstand 1973 und 1976 eine Gemeindehalle. 1982 folgte ein weiterer Bau der Schule sowie 1990 die Gestaltung der Ortsmitte.

Bergatreute ist im Förderprogramm der Landessanierung Baden-Württemberg. In diesem Zuge konnte Bürgermeister Helmfried Schäfer die Neugestaltung der Ortsdurchfahrt und ebenso die Neugestaltung und Sanierung des Friedhofs zu einem gelungenen Abschluss bringen. Der Schulhausneubau und –sanierung, der Neubau des Bauhofgebäudes und der Neubau eines Mehrfamilienhauses sind weitere wichtige Punkte in der Verbesserung der Infrastruktur. Ebenso die Ansiedlung des EDEKA-Marktes. Die stetige Verbesserung der Infrastruktur, die ökologische und energetische Entwicklung des heute beliebten Wohnorts Bergatreute, sowie die Unterbringung und Integration von asylsuchenden Menschen sind wichtige Aufgaben der Gemeinde im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Viele landwirtschaftliche Betriebe haben in den letzten Jahrzehnten den Betrieb aufgegeben. Das Ortsbild hat sich durch Abbruch und Umbau dieser ortsbildprägenden Gebäude stark gewandelt, hin zu einer attraktiven Wohngemeinde.

Das Ortsleben in Bergatreute ist geprägt durch eine Vielzahl von Vereinen: Stolz kann die Musikkapelle auf eine über zweihundertjährige Tradition schauen; Klangwelt und Soldatenkameradschaft können sich ebenfalls auf über hundertjähriges Brauchtum stützen.

Pilger und Blutreiter nehmen seit Jahrhunderten am Blutritt in Weingarten teil. Jährlich am Hochfest Maria Heimsuchung (2. Juli) feiert Bergatreute seinen Hauptwallfahrtstag: Hunderte Pilger aus der näheren und weiteren Umgebung kommen, um das Gnadenbild „Maria vom Blut“ zu verehren und in einer Flurprozession den Segen Gottes zu erbitten. Populärste Festprediger waren 1997 der Apostolische Nuntius Giovanni Lajolo und 2015 Kardinal Joachim Meisner aus Köln.

Der charakteristische Zwiebelturm der Wallfahrtskirche grüßt seit über dreihundert Jahren weit ins Land hinein. Letzte alte Obstanlagen und das renovierte Denkmal „Bierkeller“ heißen den Historie-Besucher von Bergatreute Besucher willkommen und von der Anhöhe bei Giesenweiler ist bei Föhnwetter die Bergkette mit dem „Säntis“ gut sichtbar.

Text: Alexander Hepp Gemeindearchivar Bergatreute
Bildernachweis: Paul Sägmüller

 

 

Einwohnerentwicklung:

Jahr                Einwohner
1900               ca. 900
1939               1.404
1950               1.628
1956               1.610
1960               1.692
1965               1.929
1970               2.156
1975               2.308
1980               2.325
1985               2.428
1990               2.608
1995               2.876
1998               3.004 Erstmals über 3.000 Einwohner!
2000               3.070
2005               3.186
2010               3.145
2015               3.108
2017               3.134

Die Einwohnerzahlen bis zum Jahr 1960 entstammen der Volkszählungen. Seit 1965 wird die Bevölkerungsfortschreibung vom Statistischen Landesamt fortgeführt.

Infobereich